Chinas Bevölkerung hat die Faxen dicke – Proteste für Klima- und Umweltschutz im „Reich der Mitte“

3401682600_bdc0c60465_z
Apokalyse, Abode of Chaos

In letzter Zeit fallen Zukunftsprognosen über Klimawandel und Umweltschutz meist düster aus, wenn sie nicht gleich Weltuntergangsszenarien herauf beschwören. 

Auch an mir geht die Schwarzmalerei nicht spurlos vorbei. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Weltklima kurz vor dem Kollaps steht, sollte sich nichts Grundlegendes verändern.

Und wer trägt die Verantwortung? Natürlich - wie immer die Anderen. Allen voran die Regierungen der Nationalstaaten, die es versäumen, Lösungen für globale Herausforderungen durch postnationales Denken zu entwickeln. Das Motto der globalen Umweltpolitik könnte bis dato lauten: „immer wieder das Gleiche tun und andere Ergebnisse erwarten“; also ein Beispiel par excellence für Albert Einsteins Definition von Wahnsinn.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und ausgerechnet China, einer der Prototypen für (Umwelt-)Skandale schlechthin, hat in puncto Umweltschutz das Potential zum neuen Hoffnungsträger. Denn im autoritären China scheint sich das Undenkbare zu vollziehen: Die soziopolitische Emanzipation der lange zum Stillschweigen verdammten chinesischen Bevölkerung.

Tatsächlich haben Teile der chinesischen Bevölkerung begonnen, die mit einer ungebremsten Industrialisierung einhergehende Umweltbelastung öffentlich anzuprangern. Seit Anfang Juli werden die Proteste in der Provinz Sichuan immer heftiger. Zehntausende Bewohner der südwestchinesischen Stadt Shifang verlangen nach effektiven Maßnahmen zum Schutz ihrer Gesundheit. Teilweise mit militanten Mitteln. Der Grund ihres Aufbegehrens ist der geplante Bau einer Fabrik für Schwermetalle in ihrer Nähe. Sie befürchten eine drastische Zunahme der Umweltbelastung, mit fatalen Folgen für sich und nachkommende Generationen. Ihre Ängste scheinen sich zu bestätigen. Bereits jetzt überstiegen die Kosten für die Folgen der Umweltverschmutzung die Gewinne der boomenden Wirtschaft. Und Krebs ist mittlerweile die häufigste Todesursache in urbanen Regionen.

4770953249_90885e2030_b
Industriegebiet in China

Aber wie reagiert die autoritäre Führung in Peking auf die wütenden Proteste? Auf eine für die Vergangenheit eher untypische Weise. Die chinesische Regierung musste sich dem Druck der Straße beugen und ihr Bauvorhaben aufgeben. Seit einem Jahr häufen sich die so genannten „grünen Revolten“ und jedes Mal knickt die Regierung vor dem Protest ihrer Bevölkerung ein. Sie weiß sie muss handeln und sie muss die Forderungen der Demonstranten mit einbeziehen, soll doch vermieden werden, dass die „grünen Revolten“ in einer Revolution münden.

Diese Entwicklungen sind relativ neu für China. Im „Land der Mitte“ befinden sich die Bereiche Wirtschaft und Ökologie in einem konfliktiven Spannungsverhältnis: der eine kann sich nur auf Kosten des anderen entwickeln. Doch die chinesische Bevölkerung hat nun offensichtlich genug vom Prinzip Profit Over People. Sie will die Bedrohung der Lebensqualität nicht mehr hinnehmen. Lange genug wurde sie auf dem Altar der Wirtschaft geopfert. Mit ihrem Protest leistet sie aktiv Widerstand gegen Pekings Wirtschaftspläne und letztendlich auch gegen den autoritären Führungsstil.

Entgegen aller Erwartungen besteht also doch noch Grund zur Hoffnung. Auch, da sich China zu einem der führenden Länder im Bereich der Regenerativen Energien mausert. Die Führung in Peking hat erkannt, dass eine Diversifikation der Energiegewinnung für ihren Machterhalt unabdingbar ist. Aber auch um die eigene Energiesicherheit mittel- und langfristig zu gewährleisten und um den Auswirkungen des globalen Klimawandels entgegen zu wirken. 

Welche Rückschlüsse lassen sich aus den Entwicklungen in China, für das Land ziehen, das sich gerne als die „Avantgarde der Klimaschoner“ wähnt? OK, zugegebenermaßen sind wir in Deutschland von chinesischen Verhältnissen weit entfernt. Desweiteren ist die Energiewende bereits beschlossene Sache und in vollem Gange. Könnte man meinen. Oder etwa nicht? Der Geschäftsführer beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Roger Kohlmann, ist diesbezüglich wenig optimistisch. Er nannte das Vorhaben der schwarz-gelben Bundesregierung ein Projekt, das noch komplizierter sei als die deutsche Wiedervereinigung. Und das Cicero-Magazin kommentierte: „blühende Landschaften sollte man deshalb in nächster Zeit besser nicht erwarten“.

Ganz ehrlich, für eine erfolgreiche Realisierung der Energiewende sind Kreativität und neues Denken erforderlich. Und gerade daran scheint es der gegenwärtigen Regierung kräftig zu mangeln. Anstelle eines Masterplans zur Energiewende, befinden sich CDU und FDP in heftigen Grabenkämpfen, was bereits an der (Nicht-)Förderung der deutschen Solarbranche abzulesen ist.

Aber wie ist es um die deutsche Bevölkerung bestellt. Füllen die Massen bereits die Straßen und zwingen Angela Merkel auf ihre Worte Taten folgen zu lassen? Klar, es gibt vereinzelte Protestaktionen. Zu erwähnen sind natürlich die Antiatomkraftbewegung, der die Menschheit viel zu verdanken hat, und vielleicht Compact, deren Mitglieder sich ab und an über das Prinzip des „Sofaaktivismus“ hinaus auf die Straße wagen. Für Massenproteste scheint die deutsche Bevölkerung schwierig zu mobilisieren und insgesamt zu phlegmatisch. 

Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung nachhaltig zu konsumieren umso wichtiger. Denn das kann jeder. Und es geht vom Sofa aus. Es ist nicht nur bequem, sondern zum Glück auch ungefährlicher, als zu protestieren. Außerdem kann dieses Prinzip auf jeden x-beliebigen Wirtschaftssektor angewandt werden, auch auf den Energiesektor. Schlussendlich lässt sich die Natur des kapitalistischen Wirtschaftssystems nur durch die Kraft des moralisch handelnden Konsumenten bändigen. Und wenn sich die eigene Regierung in Untätigkeit übt, muss sich auch hierzulande die Bevölkerung als Avantgarde verstehen. Aber eben auf ihre Weise. Ganz wie in China.